Aus dem Leitblick Blog:
Erek Gaudian 27. Mai 2013

Kurwanderführer – eine aussterbende Spezies?

Er gehörte wie selbstverständlich zum Lokalkolorit in den Kurorten und Heilbädern Deutschlands: der Kurwanderführer.

Noch in den 70er Jahren scharte sich Woche für Woche eine große Gruppe von Kurgästen um den sog. Kurwanderführer, zu dessen Erkennungsmerkmal hier und da die Prinz-Heinrich-Mütze und der knorrige Wanderstock gehörte. Er blickte auf eine treue Gefolgschaft für die Zeit des Kuraufenthaltes, die immer dann zur Stelle war, wenn es galt Land und Leute per Pedes zu erkunden. Der Wanderführer glänzte in der Regel durch eine gute Orientierung, Ortskenntnis sowie sein historisches Wissen. Er leitete die Gruppe zu Quellen und Bächen, verwies auf Sehenswertes und auf die Weite der Landschaft. Bildstöcke und Gedenksteine am Wegesrand gaben den Teilnehmern Auskunft über tragische und unglückliche Ereignisse in der Vergangenheit. Sagenumwobenes und mysteriöse Geschichten rundeten die Wanderung ab. Am Ende dieses kurativen Bewegungs-Angebotes war regelmäßig eine gastliche Einkehr vorgesehen und auch altes Liedgut kam zum Einsatz. Diese guten alten Zeiten neigen sich offensichtlich in den Kurorten und Heilbädern ihrem Ende entgegen! Aber woran liegt das?

Der Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen und die daraus resultierenden finan­ziellen Engpässe der öffentlichen Kassen veranlassten den Gesetzgeber immer wieder zur Einleitung drastischer Sparmaßnahmen und Reformen in Form von Leistungskürzungen in allen Bereichen des Gesundheitswesens, die auch bei der stationären und ambulanten Kur zu erheblichen Veränderungen und Umsatzrückgängen führten. Die Sparmaßnahmen manifestierten sich in sinkenden Übernachtungszahlen und einer veränderten Gäste-Struktur in den Kurorten und Heilbädern. Mit dem Ausbleiben der Kurgäste wechselte auch die Zielgruppe bei den Kurwanderungen. Einige Einheimische und Tagestouristen schlossen sich der im Laufe der Jahre sporadisch der organisierten Wandergruppe an, die rein zahlenmäßig trotzdem immer kleiner wurde. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Veranstaltung war über Jahre hinweg längst nicht mehr gegeben. Als Reaktion auf den fehlenden Zuspruch reduzierten die Kurverwaltungen die Angebote sukzessive, aufgrund der immer geringeren Teilnehmerzahl wurden sie oftmals abgesagt oder teilweise ganz eingestellt. Auch die Nomenklatur veränderte sich im Laufe der Jahre. Die guten alten Kurwanderwege nennt man heute offiziell „Terrainwanderwege“. Und auch die Erwartungshaltung der Gäste an eine organisierte Wanderung hat sich verändert, was man allein schon an der Outdoor-Funktionsbekleidung der Teilnehmer ablesen kann! Doch was ist eigentlich aus dem allseits beliebten Amt des Kurwanderführers geworden?

Seinen Nachfolger findet man beispielweise in Bad Marienberg, einem kleinen Kneippheilbad im Westerwald! Allerdings nennt er sich heute „Gesundheitswanderführer“ und ist vom Deutschen Wanderverband nach einer bestandenen fünftägigen Fortbildung zertifiziert worden.

Beim Gesundheitswandern in Bad Marienberg wird natürlich wie damals auch gewandert! Das Besondere passiert jedoch unterwegs: An schönen Plätzen in der Natur werden speziell ausgewählte Übungen aus der Physiotherapie zur Kräftigung, Mobilisation, Koordination und Entspannung des gesamten Körpers mit den Teilnehmern durchgeführt. Die Wanderstrecken zwischen den Übungen dienen als Ausdauertraining und Stärkung der allgemeinen Kondition. Zudem erhalten die Teilnehmer viele nützlichen Informationen rund um das Thema „Gesundheit“ für ihren persönlichen Alltag zu Hause. Es wird bei einer Gesundheitswanderung je nach Kondition der Teilnehmer eine Strecke von ca. 4 bis 6 km zurückgelegt, bei einer Gesamtdauer der Wanderung von ca. 2 Stunden. Die Geh-Geschwindigkeit liegt beim Gesundheitswandern bei ca. 4 km/h, also etwas langsamer als Nordic Walking aber etwas schneller als beim Spazieren gehen.

Gesundheitswandern ist also ideal für diejenigen, die sich gerne an der frischen Luft bewegen und nachhaltig etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Durch Regelmäßigkeit und Wiederholung der Übungen entsteht ein gesundheitsfördernder Effekt.

Das Projekt „Gesundheitswandern in Bad Marienberg“ lässt sich zu einer hochwertigen Pauschale für neue Gästegruppen entwickeln, wenn man die Wanderangebote mit der vorhandenen Infrastruktur des Kneippheilbades verknüpft. Im Gemeindegebiet gibt es mehrere gepflegte Kneipp-Tretbecken, einen stimulierenden Barfußweg, einen professionell gestalteten Kneipp-Apothekergarten und eine Kneipp-Abteilung im ehemaligen Kurhotel von Bad Marienberg, dem Wildpark-Hotel.

In Zusammenarbeit mit der Leiterin der Tourist-Info Bad Marienberg, dem Gesundheitswanderführer vor Ort und dem Management des Wildpark-Hotels wird aktuell ein Baustein „Kneipp-Gesundheitswandern“ entwickelt. Unter Einbeziehung der bereits ausgeschilderten Kneipp-Therapiewege, einer Führung durch den Kneipp-Apothekergarten, der Integration der Kneipp-Tretbecken und Kneipp-Güsse soll saisonabhängig für den Zeitraum von Ende Mai bis Ende Oktober ein neues Angebot konzipiert werden. Wir finden, Bad Marienberg macht Lust auf mehr und die Gäste können dort „Gesundheit“ neu erleben!

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