Aus dem Leitblick Blog:
Erek Gaudian 12. Oktober 2012
Kategorien: GesundheitstourismusTourismusTrends

„Selfness“ versus „Kneipp`sche Ordnungstherapie“: 
Neue Wege und altbekannte Pfade zum Gesundheitstourismus

Es ist keine neue Erkenntnis, dass der rasante gesellschaftliche Wandel die Geschwindigkeit in der Arbeitswelt bereits beschleunigt hat und auch geprägt wird durch die Krise des Sozialstaats. Von jedem Einzelnen wird immer mehr Selbstverantwortung und Eigeninitiative abverlangt. Trendverstärkend auf diesen Wandel wirkt der demographische Faktor in Deutschland, der die Menschen bis ins hohe Alter mit immer neuen Lebenssituationen konfrontiert, für die sich häufig nicht gewappnet fühlen. Der Trend zur „Selfness“ wird durch diese politisch-sozialen Rahmenbedingungen gestützt.

Idee der Selfness

Zukunftsforscher Matthias Horx hat vor einigen Jahren einen neuen Trend postuliert, der für den Gesundheitstourismus künftig an Bedeutung gewinnen wird und bezeichnet ihn als „Selfness“ mit folgender Ausrichtung:

  • Gesunde Ernährung
  • Work-Life Balance
  • Selbstkompetenz
  • Stabiles Selbstwertgefühl
  • kontinuierliche Erhaltung der Gesundheit
  • Genuss und Selbstreflektion
  • Nachhaltigkeit im Alltag

Selfness ist also deutlich mehr als temporäre Entspannung oder ein passives „sich-verwöhnen-lassen“. Es geht vielmehr um dauerhaftes körperliches, geistiges und emotionales Wohlbefinden. Selfness setzt dabei ein hohes Maß an eigener Aktivität sowie den Willen und die Kompetenz des Einzelnen voraus, sein Leben so zu gestalten, dass er sich dauerhaft wohl fühlt. Und das bedeutet nicht weniger als die dauerhafte Selbstveränderung in Eigenverantwortung.

Gesundheitstourismus im 19. Jahrhundert

Der bayrische Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) hielt schon im Jahr 1890 öffentliche Gesundheitsvorträge, in denen er sich gegen die moderne, krankmachende Lebensweise aussprach. Kneipp hat früh erkannt, dass der Mensch feste Orientierungspunkte im Leben braucht. Um ein derartiges Lebensgefühl zu erzeugen gehört eine entsprechend gesunde Einstellung dazu. Seine fünf Säulen der Kneipp-Gesundheitslehre bestehen aus den Elementen:

  • Wasser
  • Bewegung
  • Ernährung
  • Heilpflanzen
  • Ordnung

Die ganzheitliche Betrachtungsweise Kneipps (1821-1897) gilt noch heute noch als durchaus zeitgemäße Präventivmedizin. Der Pfarrer und Naturheilkundler hat seinerzeit ein „Lebensstil-Konzept“ entwickelt, das den Menschen, seine guten wie schlechten Lebensgewohnheiten und seine natürliche Umwelt untrennbar als eine Einheit betrachtet.

Hinsichtlich der Bedeutung der körperlichen Aktivität bzw. Bewegung haben die Selfness-Haltung und die Kneipp’sche Gesundheitslehre in sich stimmige Ansätze. Selfness setzt eine körperliche Kompetenz voraus, Sport zu treiben, um fit zu bleiben. Den gesunden Geist in einem gesunden Körper bewirkt Kneipp, indem er sich zur Stärkung der Selbstheilungskräfte des Körpers der Wirkung von Wasseranwendungen bedient. Die Stimulierung des Bewegungsapparats, des Herzkreislauf-Systems, der Verdauungsorgane oder des Nervensystems werden durch Bewegungstherapie gleichermaßen angesprochen wie die Psyche des Menschen.

Im Mittelpunkt der Betrachtungsweise bei der Kneip’schen Gesundheitslehre wie auch beim „Selfness-Gedanken“ steht die gesunde Ernährung, die in einem hohen Maße zum kontinuierlichen Erhalt der Gesundheit beiträgt. Pfarrer Kneipp hat den Ausspruch getätigt, „Du bist, was du isst!“. Eine ausgewogene Ernährung bildet gestern wie heute den Grundstein für ein gesundes Leben. So zu essen bedeutet bewusst zu essen, aber eben nicht asketisch. Denn Genuss und das Wohlfühlen im eigenen Körper stehen an bei Kneipp an oberster Stelle. Im Hinblick auf den dramatischen Anstieg von Zivilisationskrankheiten in den vergangenen Jahrzehnten könnte man Kneipps Aussagen zur Ernährung als „Blick in die Glaskugel“ bezeichnen. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der Einfluss der Ernährung auf den Zustand von Geist und Seele.

Selfness-Work-Life-Balance“ vs. „Kneipp’schen Ordnungstherapie“

Am interessantesten ist sicher der Vergleich zwischen „Selfness-Work-Life-Balance“ und der „Kneipp’schen Ordnungstherapie“.Der Begriff „Ordnungstherapie“ klingt nicht mehr zeitgemäß, ist möglicherweise sogar verwirrend. Gemeint ist aber primär nicht, dass es in den eigenen vier Wänden aufgeräumt sein muss. Es geht um die innere Ordnung, die Stabilität und Kraft gibt und nachhaltigen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Gemeint ist, das richtige Maß zu finden: nicht immerzu arbeiten – aber auch nicht zu wenig; genügend erholsame Auszeiten – aber kein andauerndes Urlaubs-Feeling; Geselligkeit such -aber nicht exzessiv; individuell angepasste körperliche Betätigung – aber ohne Streben nach sportlichen Höchstleistungen; schmackhafte Nahrung – ohne Völlerei. Für Sebastian Kneipp hieß die Lösung nicht totaler Verzicht, sondern in Maßen genießen! Die gesunde Mitte ist in allen Bereichen des Lebens zu finden, die zu einer inneren Balance führt, ist nach Kneipp die Herausforderung.

Und mit diesem über 100 Jahre alten kneipp`schen Verständnis kommt man der modernen Begrifflichkeit „Work-Life-Balance“ schon sehr nahe. Die Fähigkeit zur „Work-Life-Balance“ bedingt den positiven emotionalen Umgang mit der sozialen Umwelt, mit Partnerschaft, Beruf, Familie (= Emotionale Lebens-Kompetenz). Selbstständige Entscheidungen in komplexen Lebenssituationen oder Krisen zu treffen (= biografische Wachstums-Kompetenz) sind Grundvoraussetzung für einen bewussten Erfahrungsgewinn bis ins hohe Alter (= Reifungs-Kompetenz).Erst die Kombination von Fähigkeiten, sich richtig zu ernähren, sich ausreichend zu bewegen und den Geist zu stimulieren, versetzen einen Menschen in die Lage,

Ähnlich der Begriffsverwirrung bei der Definition von „Wellness“ ist Selfness bereits belegt von vielen Beauty- und Fitness-Anbietern, von Paar-Therapeuten und Eheberatern und findet Anwendung in der „Bioenergetischen Körperarbeit“. Im Tourismus boomen Reiseangebote wie „Selfness-Time in der Puszta“ oder „Finde zu Dir selbst in der Sahara“, in denen versprochen wird, dass nicht nur Erlebnisse, sondern auch persönliche Transformation organisiert werden können.

Wenn man sich auf „Selfness“ einlässt, gehört dazu zunächst eine neue Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Ob der Gesundheitstourismus in Deutschland in diesem Zusammenhang buchbare Angebote entwickeln kann, um die stetige Nachfrage zu decken, steht auf einem anderen Blatt. Reiseveranstalter und Coaches jauchzen bereits jetzt: Der nächste Wachstumsmarkt scheint da zu sein.

Kommentare (1)

  1. Olivia sagt:

    Ist man mit sich selbst im Reinen und somit aufgeräumt – so können Höchstleistungen vollbracht werden, ohne psychisch oder physisch darunter zu leiden. Dies macht die Studie deutlich und ist wohl keine neue Erkenntnis. In der Schnelligkeit der heutigen Zeit gilt es, sich zurück zu besinnen und die innere Kraft dann zu mobilisieren, wenn es wirklich von Nöten ist. Im Zuge der Medialisierung treffen wir jedoch immer mehr auf Ablenkungen, die alltägliche Arbeitsabläufe hemmen, anstelle diese zu fördern.

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